Sinn und Unsinn von Zertifikaten

In einer Session auf dem PM Camp 2012 in Wien haben wir die Frage diskutiert, ob und welchen Sinn Zertifikate im Projektmanagement machen. Diese Diskussion sollten wir hier weiterführen

  • Zertifikate geben Orientierung / Schubladen
  • Zertifikate geben Vertrauen, auch Selbstvertrauen.
  • Zertifikate sind aber keine Garantie für erfolgreiche Projekte.
  • Können Peer-Reviews oder sogar Kundenbewertungen Zertifikate ergänzen oder ersetzen?
  • Spannender als die Frage nach dem Zertifikat ist die Frage wie das im Seminar gelernte Wissen zu praktischer Erfahrung wird. 
  • Wie wird aus erlebter Erfahrung schlussendlich das Wissen?
  • Zertifikate fördern eine gemeinsame Sprache. Dies wiederum fördert gemeinsames Denken und Handeln (einer der wenigen Vorteile einer Zertifizierung).
  • Zertifikate/Zertifizierungen sind mittlerweile (leider) vor allem ein Geschäftsmodell für ihre Zertifizierungs-Anbieter, die nicht identisch mit den Verbänden sind.
  • Leider wird gern von Recruitern, Einkäufern, ... mittels Zertifikaten als das(Warnung) Eignungs-Kriterum im Kandidaten-Auswahl-Prozess entschieden (Stichwort: Pseudo-Kompetenz-Maßstab)
  • Die Rezertifizierung von Level D ist nach Meinung von Marcus Raitner inhaltlich nicht begründbar und ohne Mehrwert (s. Rezertifizierung IPMA Level D: Money for Nothing)
  • Zertifikate als KO Kriterium in Stellenanzeigen können gute Kandidaten ausschließen: (engl.) Artikel auf www.pmhut.com
  • Information, Wissen und Expertise dürfen nicht in "einen Topf geworfen" werden. Die unten abgebildete und von Jörg Dirbach etwas erweiterte Wissenstreppe von Prof. Klaus North liefert ein schönes Erklärungsmodell was alles passieren muss, damit aus Information Expertise wird . Eine etwas ausführlichere Erläuterung dazu findet man unter Information, Wissen und Expertise – dazwischen liegen Welten!.
  • "Karrieremöglichkeiten durch Weiterblildungsoptionen" im Lazy Project Manager Blog: Mapping Your Career Options to Your Education Options

 

  • Grundsätzlich gilt für (fast) alle Zertifikatsprüfungen, die auf Multiple-Choice Tests basieren, dass im besten Fall Wissen abgefragt wird. Diese Tests eignen sich aber kaum Fertigkeiten in der Anwendung (Proficiency) oder gar Expertise zu überprüfen. Expertise ist auch in grossen Teilen nur als implizites Wissen vorhanden, das der Experte nur sehr schwer artikulieren kann. Expertise kommt nur zum Vorschein, wenn die Person einer Problemstellung ausgesetzt ist, die zur Lösungsfindung diese Expertise benötigt. Dies schaffen die üblichen Multiple-Choice Tests nicht.
  • Podcast zum Thema: http://zukunftsarchitekten-podcast.de/2012/11/za031-sind-projektmanagement-zertifikate-sinnvoll/
  • Artikel zum Thema von Bernd Oestereich, Prof. Dr. Michael Gessler u. Oliver F. Lehmann: Mein Haus, mein Auto, meine Projektmanagement-Zertifikate (2009)
  • Der Vermittler  von IT- und Engineering-Experten GULP hat im Kreis seiner (freiberuflichen) Experten eine Umfrage zur Bedeutung von Zertifikaten   (also nicht nicht nur PM, sondern auch technischen Zertiifikaten) bei der Vergabe von Aufträgen durchgeführt: 45% der Befragten glauben nicht, dass Zertifikate wirklich eine Rolle gespielt haben.
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62 Kommentare

  1. Tilman Moser sagt:

    Zertifiziert heißt nicht qualifiziert. Oder auch (Quelle: Internet, Frei zitiert nach einem mir entfallenen Urheber): ja, ich habe ein Zertifikat und ja, ich bin erfolgreich durch die Grundschule gegangen. Beides war ein super Startpunkt, aber noch lange nicht das Ende der Fahnenstange!
  2. Zertifizierung sind naturgemäß formalistisch. Formalismus kann sinnvoll sein, aber häufig erweist er sich auch als kontraproduktiv. 

    Für mich sind die zwei Erfolgsfaktoren im PM schlechthin: Kommunikation & Transparenz. Formalismus bringt hier nur sehr bedingt weiter. Insofern schießen Zertifizierungen grundsätzlich am Ziel vorbei. Da helfen Erfahrung und Kreativität bei Weitem weiter.

  3. Ich finde Zertifikate oder PM-Lehrveranstaltungen hilfreich. Aber wirklich gelernt wird durch Fehler, durch praktische Situationen und durch Erfahrungsaustausch/-weitergabe. Ein Problem ist aus meiner Sicht, dass wir immer weniger "Gelegenheit" bekommen durch Fehler zu lernen. Sicher gibt es auch Umgebungen, wo wirklich kaum oder kein Fehler entstehen darf.

    Letztendlich braucht es beides, theoretische Kenntnisse aber vor allem auch praktische Arbeit in Projekten. Nur weil ich die Führerscheinprüfung bestanden habe, heißt das nicht, dass ich nun Auto fahren kann.

    Konfuzius sagt:"Was du mir sagst, das vergesse ich. Was du mir zeigst, daran erinnere ich mich. Was du mich tun lässt, das verstehe ich." 

    1. Boeffi sagt:

      > Ich finde Zertifikate oder PM-Lehrveranstaltungen hilfreich.

      Zertifikate-"Lehrveranstaltung":
      hier habe ich leider bisher noch nie eine "Lehrveranstaltung" kennengelernt. Diese Veranstaltungen waren immer marketing-geprägt mit sehr fragwürdigem Nutzen für die Teilnehmer, immer mit großem monitärem Nutzen für den Veranstalter. Insofern bekommen diese Art von Veranstaltungen von mir den Stempel "Unsinn".

      (PM-) Lehrveranstaltungen:
      solche Veranstaltungen bieten mit Sicherheit einen großen Mehr-Wert, auch für die Teilnehmer. Diese machen "Sinn".

      Diese Einschätzungen beruhen natürlich auf meinen völlig unrepräsentativen Erfahrungen.

      CU
      Boeffi

  4. So lange Personaler drauf schauen, werden sie ihre Bedeutung haben. Bei den Inhalten hapert es natürlich. Wäre nicht schlecht, wenn es Zertifikate für Soziale Kompetenzen gäbe (Zwinkern). Das könnte was bringen.

  5. Falk Schmidt sagt:

    Ich finde es müßig, zu diskutieren, ob es aus Kundensicht sinnvoll ist, Zertifikate als Auswahlkriterium heranzuziehen. Fakt ist, dass das oft genug getan wird. Und wenn ein Kunde mit einem potenziell interessanten Projektauftrag als Voraussetzung das Zertifikat des einen oder anderen Verbandes nennt, dass ist das in dem Moment nicht änderbar und der Dienstleister tut gut daran, ein solches Zertifikat vorweisen zu können.

    Ich persönlich glaube, dass Zertifikate allein kein Qualitätsmerkmal sind, sondern lediglich das Grundverständnis der einen oder anderen Methode belegen. Das ist soweit auch in Ordnung. Einen guten Projektmanager macht aber eben im Wesentlichen die Erfahrung aus und die Möglichkeit, über den Tellerrand zu blicken. Das muss man den Kunden herüberbringen. Und genau für den Ausbau dieser Skills sind (natürlich neben vielseitiger Projekterfahrung) openPM und/oder PMCamps genau das Richtige.  

    1. Boeffi sagt:

      > Ich finde es müßig, zu diskutieren, ob es aus Kundensicht sinnvoll ist, Zertifikate als Auswahlkriterium heranzuziehen.

      Warum? Auch mit einem Kunden, seinen Mitarbeitern und insbesondere mit seinem Economic Buyer (EB) kann man in der Regel vernünftig sprechen und "ihn" beraten.

      > Fakt ist, dass das oft genug getan wird.

      Ja! Leider! Deshalb o.g. "beraten"...

      > Und wenn ein Kunde mit einem potenziell interessanten Projektauftrag als Voraussetzung das Zertifikat des einen oder anderen Verbandes nennt, dass ist das in dem Moment nicht änderbar

      Das glaube ich so pauschal nicht (s.o.). Dies hängt natürlich auch von der eigenen Rolle/Position zum Kunden bzw. von der eigenen Situation ab.

      > und der Dienstleister tut gut daran, ein solches Zertifikat vorweisen zu können.

      Es gibt natürlich immer Mitarbeiter eines Kunden (non EB), die sich auf ihre offiziellen Auswahl-Prozesse zurückziehen (müssen?): hier hat man weniger Chancen. Sobald man allerdings mit dem EB beratend verhandeln kann, habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht, auch ohne das zunächst geforderte K.O.-Zertifikat das Projekt begleiteten zu dürfen.

      > Ich persönlich glaube, dass Zertifikate allein kein Qualitätsmerkmal sind,

      absolut "Ja!"

      > sondern lediglich das Grundverständnis der einen oder anderen Methode belegen.

      hier habe ich ganz, ganz andere Erfahrungen: zu oft "durfte" ich schon "Zertifikats-Träger" erleben, die noch nicht einmal ein Grundverständnis, geschweige denn belastbare Erfahrungen vorweisen/vorleben konnten - trotz eines Zertifikates.

      > Das ist soweit auch in Ordnung.

      aufgrund eigener Erfahrung ist dies für mich nicht i.O.

      > Einen guten Projektmanager macht aber eben im Wesentlichen die Erfahrung aus und die Möglichkeit, über den Tellerrand zu blicken.

      absolut "Ja!"

      > Das muss man den Kunden herüberbringen.

      Ja, s.o.

      > Und genau für den Ausbau dieser Skills sind (natürlich neben vielseitiger Projekterfahrung) openPM und/oder PMCamps genau das Richtige. 

      ++++1

       

      "just my 2 cents..."

      CU
      Boeffi

      1. Dass man mit Einkaufsabteilungen auch vernünftig sprechen kann, kann ich aus meinen letzten 15 Jahren leider nicht bestätigen. Vielleicht ab einem bestimmten Punkt wieder, aber erstmal werden (ohne Kenntnis der eigentlichen Sache) blind harte Kriterien angewandt. Habe es umgekehrt schon mehrfach erlebt, wie der "eigentliche" Kunde am Einkauf vorbei "intrigieren" musste, um letztlich zu bekommen, was er braucht. Ich möchte mich auch gleich bei allen Einkäufern, die sich von meinen Worten angegriffen fühlen entschuldigen (alle Pauschalurteile sind natürlich falsch!), aber leider habe ich allzu oft erlebt, dass Einkäufer vor lauter harter Kriterien und mit Blick auf den Preis, ihre eigentliche Arbeit vergessen.

  6. Zertifizierungen stehen bei mir in diesem Kontext auf der gleichen Ebene wie Bildungsabschlüsse: Wer sie als Auswahlkriterium hinzuzieht, schiebt die Verantwortung zur Bewertung der Kompetenz eines Unternehmens bzw. eines Menschen auf andere ab. Bei Einkäufer*innen so auch ihren eigentlichen Berufssinn.

    Und wie schon mehrfach erwähnt worden: Die Erfahrung, die bisherigen Projekte sind entscheidend.

    Ich wünsche mir, dass viel mehr Personen auf ihre Menschenkenntnis und ihr Bauchgefühl hören und lernen mit eventuellen Fehlentscheidungen (in diesem Fall eine falsche Wahl der/des Umsetzer*s) umzugehen – denn diese gibt es sowohl mit, als auch ohne Zertifikate.

    Noch ein Gedanke zur Kompezenzsuche: Ich bin der Meinung, dass allein schon mithilfe der richtigen Wortwahl und Formulierung der Job-/Auftragsbeschreibung sehr gut im Vorhinein gefiltert werden kann.

    1. Ich stimme Dir fast vollständig zu. Ich glaube aber schon, dass wenn jemand Zertifikate erwirbt und/oder Bildungsabschlüsse in einem Thema abschließt, dass derjenige sich für das Thema interessiert und versucht viel Basis/Grundwissen aufzubauen. Ich denke die Motivation hinter dem Erwerb eines Zertifikats spielt eine Rolle. Ein Zertifikat als Auswahlkriterium sehe ich auch eher kritisch, kann aber bei bestimmen Rahmenbedingungen auch vertretbar sein (Anzahl Bewerber höher als verfügbares Zeitbudget zum Sichten der Bewerbungen). 

      "Und wie schon mehrfach erwähnt worden: Die Erfahrung, die bisherigen Projekte sind entscheidend."

      Diesen Satz würde ich als eines von 10 Gesetzen in Stein meißeln lassen (Lächeln)

      Ich denke auch, die bisherigen Erfahrungen sind das Hauptkriterium. Paßt der Bewerber auf Grund seiner Erfahrungen zur Stelle/zum Unternehmen/zum Team? Erfahrungen lassen sich nicht 100% auf neue Situationen anwenden. Aber wenn ich weiß, jmd. hat schon mehrere kritische Projekte betreut, oder in welchen gearbeitet so wird der Kandidat nicht so schnell die Nerven verlieren etc pp

       

       

      1. Danke für diese weiteren Ausführungen, Christian!

  7. Als jemand, der mitten in der Zertifizierung für sich und eine ganze Horde von erfahrenen PJLs steht:

     

    Der oben geführte Punkt

    "Zertifikate fördern eine gemeinsame Sprache. Dies wiederum fördert gemeinsames Denken und Handeln (einer der wenigen Vorteile einer Zertifizierung)."

    ist tatsächlich der Wesentliche. Es ist auch auffällig, wenn auf Kunden und Lieferantenseite PJLs sind, die durch dieselbe Schule gegangen sind, Dinge viel einfacher werden. Man redet über dir gleichen Dinge und mit denselben Vokabeln sind zumindest ähnliche Dinge gemein. Beispiel "Portfolio". Je nach Ausbildung, kann unter dem Begriff vieles verstanden werden

    1. Die gemeinsame Sprache kommt aber auch, wenn man in Projekten arbeitet - nur dass man dann auch praktisch weiß, was sich hinter den Begriffen verbirgt, anstatt reiner Theoriekenntnisse.

  8. Erst mal muss ich sagen, dass es großen Spaß gemacht hat, diese spannende Diskussion zu verfolgen.

     

    Spannender als die Frage nach dem Zertifikat ist die Frage wie Wissen zu Erfahrung wird.

    Aus informationswissenschaftlicher Sicht würde ich die Frage gerne umformulieren:

    Spannender als die Frage nach dem Zertifikat ist die Frage wie Wissen Erfahrung zu Erfahrung Wissen wird. Aus meiner Sicht ist es so, dass sich längst nicht jede Erfahrung in Wissen manifestiert. Wie viele Erfahrungen machen wir täglich, die binnen kürzester Zeit (meist wenige Minuten/Stunden) aus unserem Gedächtnis gestrichen sind?

    1. Stimme ich dir zu, Christian - Wikipedia auch! (Lächeln)

      Berufserfahrung bedeutet, jemand übte lange eine bestimmte Tätigkeit aus, legte sich – mit vielen verschiedenen Situationen konfrontiert, die gemeistert werden mussten – ein breitgefächertes Wissen zu.

      QUELLE

      1. Ihr seid ja schnell (Zwinkern) Aus Sicht des Wissensmanagements stimme ich eurer Umformulierung zu. Es machen viele Akteure Erfahrungen, die zu Wissen werden müssen. Ich denke aber, dass gerade die großen PM-Verbände und andere Organisationen darin gar nicht schlecht sind. Für mich ist nach wie vor spannender, wie dieses Wissen dem einzelnen, noch unerfahrenen, hilft Erfahrungen zu sammeln. Ich habe den Satz also eher aus der Sicht des Lernenden formuliert, also dem Nachwuchs-PL, der jetzt gerade eine Level-D Zertifizierung macht, dicke Bücher (=Wissen) liest und nun damit die ersten Schritte im Projekt macht. 

        1. Ah, ich verstehe - pardon da habe ich wohl wirklich zu schnell geändert. (Lächeln)

          Du meinst also eher etwas wie...

          Spannender als die Frage nach dem Zertifikat ist die Frage wie das im Seminar gelernte Wissen zu praktischer Erfahrung wird. 

          ..., oder?

          1. Exakt das. Die Frage von Christian Gruntz ist aber auch nicht unwichtig.

            1. Ok, einigen wir uns doch darauf, dass es spannend ist beide Perspektiven zu beleuchten (Zwinkern)

  9. Die in der Liste zu findende Feststellung "Leider wird gern von Recruitern, Einkäufern, ... mittels Zertifikaten als das(Warnung) Eignungs-Kriterum im Kandidaten-Auswahl-Prozess entschieden" kann ich nur bestätigen. Die Problematik hier liegt darin, dass Leute (Einkäufer, Recruiter...) über Qualifikation einer Person entscheiden, die sie gar nicht beurteilen können und vor allem die PM Grundlagenzertifikate sich der Einfachheit halber nur auf das Abfragen rudimentären Wissens beschränken.  

    1. Danke, Jörg, für die schöne Grafik und die Erweiterung des Artikels. #ilike

  10. Moin...

    Ich habe eine sehr eigene Einstellung zu dem Thema der Zertifizierungen innerhalb des Projekt Managements.

    1. Außer einer großen Geldmaschine ist nicht viel übrig geblieben. Wenn z.B. das PMI bestimmte Anzahl an Stunden vorschreibt (allerdings auch noch mit Klassengrenzen) dieses aber nicht ausreichend überprüft, ist die Zertifizierung nichts wert. Außer für das PMI das das Geld einstreicht.
    2. Viele der Skills, die einen PM ausmachen kann man nicht zertifizieren. Es umfasst die gesamte Liste an Softskills, die zur Menschenführung gehören, kommunikative Skills, Charakterstärke, Ehrlichkeit, Kreativität, etc. Diese Skills machen aber den Unterschied zwischen einen guten PM und einen ... ja was eigentlich.. aus (Lächeln)
    3. Es ist richtig: PMs müssen eine Sprache sprechen. Aber mit unterschiedlichen Zertifizierungsverfahren und Methodiken passiert genau das nicht.
    4. Wenn ich einen Sponsor habe, der nur Zertifikate sehen will, weiß ist schon mal sicher eines: Er traut zumindest nicht seiner Menschenkenntnis. Oft auch zurecht! Die deutsche Gier nach den Zetteln hat seine Ursache darin, dass "!Entscheider" eben genau das nicht können und sich deswegen am liebsten über Zerties und Gutachten absichern wollen.
    5. Anderseits habe ich so viele PMI zertifizierte "PM"s getroffen, die eben nicht PMI sprachen, die Prozesse und Prozessgruppen nicht verstanden haben, oder gar nur für die Prüfung gelernt, und dann geflissentlich vergessen haben. Oder die vielleicht bestenfalls auf 500 h PM Erfahrung zurückblicken konnten (einer sogar auf gar keine!).
    6. Ich habe alle unterschiedlichen Methodiken gelernt. Das war super wichtig für mich, meine Projekte und auch für den Erfolg. Und genau das ist eigentlich schon alles, was man braucht. Für die Zertifikate gelten die oberen Punkte (Lächeln)

    Alles zusammen führt bei mir dazu, dass ich diese Zettel ablehne und auch keinem traue, der damit herum wedelt. (Lächeln) Ich traue eben nicht einer Institution, die Geld daran verdient sondern meiner Menschenkenntnis und meinem Bauch & Herz!

    1. Danke, Jens, schön zusammengefasst. Kann ich so voll und ganz unterschreiben.

    2. Ich erinnere mich an zwei hitzige Diskussionen auf XING:

      1.) zw. einen gestandener PM und einem PMI-Chapter-Chef: Sinn gemäß äusserte sich der PM "wollen sie ernsthaft behaupten, dass ich ohne ein einziges Zertifikat ein schlechter PM bin?"

      2) dann noch zw. einem PM und ebenfalls einem PMI-Chapter-Chef, als es um die Diskussion ging "welches Zertifikat...." (wir kennen die beiden großen Gemeinden), bzgl. wo gibts finanzielle Unterstützung. Denn die Zertifizierungen kosten ja auch was. Für PMI-Zertis gibt's halt nun mal bis dato keine EU-Fördermittel: PMI-Chef (sinngemaäß): "Wer nach finazieller Unterstützung schielt und das nicht aus eigenen Tasche bezahlt ist soweiso kein richtiger PM".

      so what.

      Ein Kollege hat erst vor Kurzem die GPM Level D Prüfung abgelegt. Der Lehrgang ging von Anfang Januar bis Mitte Februar. Meiner, ich muss überlegen, vor 13 Jahren (?), ging der GPM.Lehrgang ein dreiviertel Jahr (Freitag, Samstag und teils sonntags). Wir waren über 25 Leute aus 17 Branchen. Der Infoaustausch war gigantisch. Gibt's das heute noch?

      Warum bin ich nicht PMI-zertifiziert: Ich hab' ein Problem mit Multiple Choice a la "Sie leiten ein Fernwärmeprojekt...CPI und SPI sind sau schlecht. Was empfehlen sie?" Richtige Antwort: "Projekt einstellen.....da fehlt mir dann doch ein wenig der Praxisbezug.

  11. Wichtig ist aus meiner Sicht Zertifikate nach ihrer Zielrichtung zu unterscheiden:

    • CSM (Scrum Master) belegt nur ein in einem Test nachgewiesenes Wissen. Erfahrung ist da kein Thema.
    • Bei IPMA ab Level C (Marcus' Meinung zu Level D kann ich nur beipflichten) ist neben dem Wissenstest vorab auch eine ziemlich umfangreiche, praktische Ausarbeitung (=Anwendung des Wissens) notwendig. Ab Level B wird dann noch in einem mündlichen Gespräch die Persönlichkeit abgeklopft. Hier ist also auch der Umgang mit dem Wissen (bis zu einem gewissen Grad) nachzuweisen.

    Beide haben ihre Berechtigung, sollten dann aber auch entsprechend beurteilt und für Einschätzungen verwendet werden. 

    Fix ist: wer ein Zertifikat hat, hat zumindest einige Zeit dafür aufgewendet, dieses zu erwerben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

    Und: Zertifikate, bei denen auch ein Erfahrungsanteil beurteilt wird, belegen genau diese Erfahrung in Projekten. Ob die Projekte oder der PL erfolgreich waren oder nicht, spielt dabei keine Rolle. 

    Bei Beurteilungen von Recruitern wird dann halt leider unzulässig verkürzt (Zertifikat = guter PL, ohne Zertifikat zweifelhaft). 

    Es gilt halt auch bei Zertifikaten der Satz: Eine Garantie (für einen guten PL) gibt es nicht, aber es erhöht die Chance.

     

     

  12. Ich denke, wir müssen uns was besseres einfallen lassen, als "standardisierte" Prüfungen und Zertifikate.

    Ich habe mal vor einiger Zeit darüber nachgedacht und bin auf den alten Gedanken der "Gilde" gestoßen. Hier wird unter Gleichen entschieden, wer nach seinen Qualifikationen die Aufnahme in die Gilde verdient.

    Ein derartiges System könnte eine Antwort sein. Und die Geldmacherei mit Zetteln (ein wenig wie Ablasshandel) endlich verhindern.

    Jens

     

  13. Hmm, mein Eindruck verstärkt sich: Dieselbe Diskussion könnte auch über Hochschulabschlüsse oder Führerschein-Prüfungen geführt werden....

     

    Mit Ausnahme der Re-Zertifizierung von Level D. Da bin ich dabei

  14. Bin gerade auf einen Blogpost gestoßen, die Sinnfrage erweitert auf Referenzen: Sinn und Unsinn von Referenzen

  15. Sacha Storz sagt:

    Ich interessiert mich für die Zertifizierung CPRE (Requirements Engineering) der IREB (http://www.certified-re.de) und wollte fragen, wie Eure Meinung ist zur Qualität, Anerkennung usw. des Zertifikats. Freu mich über Feedback. (Lächeln) Danke und lg - Sacha

    PS: Ich hab nicht kapiert, wo/wie ich eine solche Frage am besten auf openPM stelle, damit sie ein Forum erreicht, wenn es da Tipps gibt, danke.

     

  16. Für mich stellt sich immer die grundsätzliche Frage: was steht im Vordergrund: (a) die Ausbildung an sich, die mit einem Zertifikat abgeschlossen wird oder (b) der Erwerb eines Zertifikats, dem eine Prüfung mit definiertem Ausbildungsstoff vorausgeht.

    1. Moin Robert,

      Ich habe z.B. die Ausbildunglehrgänge zum PMP alle gemacht, Bücher gelesen zu dem Thema, mit anderen PMPs gesprochen und diskutiert...

      Alles das war und ist wertvoll gewesen. Und ich würde es jedem PM auch empfehlen. Vorrraussetzung für das Verständnis des Inhalts war ist ist allerdings ein tiefer Erfahrungsschatz.

      Die Zertifizierung habe ich nicht gemacht, denn die Prüfung beweißt lediglich, dass man gut multiple choice Fragen in Englisch beantworten kann, nicht aber gelerntes verstanden hat und umzusetzen weiß.

      Steht also das Wissen im Mittelpunkt: Ich bin ein Fan davon sich auszubilden in unterschiedlichsten PM Methodiken und Projektvorgehensweisen.

      Geht es um den Zettel: Er beweißt nichts... außer dass man im schlimmsten Fall "PMP for Dummies" gelesen hat. (Lächeln)

  17. Besonders interessant in diesem Zusammenhang ist auch der Versuch des PMI jetzt zusätzlich "agil" zu zertifizieren. Siehe hierzu: http://www.projektmagazin.de/artikel/was-bietet-die-zertifizierung-zum-pmi-agile-certified-practitioner-pmi-acp_1078661

    1. Wieder ein sehr schönes beispiel zum Thema "Gelddruckmaschine".

      http://www.pmi.org/~/media/PDF/Certifications/PMI-ACP_Handbook.ashx

      Einerseits werden im Preface Skills, Tools usw. vorausgesetzt (und beschworen)....schaut man sich den Zertifizierungsvorgang an ist das eher ernüchternd: Anmelden, Zahlen, Multiple Choice, Zettel kriegen.....toll....(Lächeln) irgendwie hat "Agile" was mit dem Umgang mit Menschen im Projekt zu tun....wie will man sowas mit Multiple Choice testen. Sorry. bei aller Liebe....und nix gegen PMI....Ehrlich. mir ist einer der 10 Projekte als SCRUM Master gemacht, kein Zerti hat, lieber, als einer mit einem Zettel solcher Kulör. Dann schon eher sowas wie eine Gilde gründen.....

  18. Wir könnten ja einen openPM "Open Badge" machen: http://openbadges.org/community/ , evtl. für einzelne Teilbereiche von openPM?

    1. Hallo Robert,

      ist zwar ein "open"-Ansatz, aber passt das zu uns? Gerade die Tatsache, dass wir vom Zertifizierungs-Business angefressen waren, war ja einer unser Beweggründe zur Gründung von openPM. Würde mich momentan lieber auf die Inhalte konzentrieren, als dieses neue Fass aufzumachen.

      Gruß

      Bernhard

  19. Für mich ist ein Zertifikat so etwas wie ein Führerschein: Ob der Autofahrer gut ist oder nicht wird nicht über den Führerschein den er gemacht hat entschieden. Trotzdem: So etwas wie rechts vor links und einige Verkehrsregeln sollte man auch im Projektmanagement kennen - allerdings: das geht mit oder ohne Zertifizierung

    1. Sehr schöne Analogie. Gefällt mir.

    2. Nichts gegen Zertifikate, aber problematisch wird es, wenn die Fahrschulen mit TÜV und Behörden kungeln um den Umsatz zu maximieren - um in deinem Bild zu bleiben.

  20. Der Nutzen von Zertifikaten ist wirklich begrenzt: Wie kann ich ein soziales System "Projekt" mechanistisch managen - mir ist das zu wenig. Es ist einiges an impliziten Wissen und Sozialkompetenz und Empathie nötig um ein Projekt zum Erfolg zu führen. Den kritischen Pfad im vernetzten Balkenplan bestimmen zu können ist da eher Beschäftigungstherapie für gelangweilte Projektleiter

    1. Den kritischen Pfad im vernetzten Balkenplan bestimmen zu können ist da eher Beschäftigungstherapie für gelangweilte Projektleiter

      Made my day!

  21. ... und gestern war ich bei einem Programm bestehend aus vielen Projekten die stark voneinander abhängig sind. ... da könnte ein vernetzter Balkenplan Sinn machen. Asche auf mein Haupt. Es ist jedenfalls so komplex dass die einzelnen Projekte bzw. Projektleiter ihre Abhängigkeiten selbst im Blick behalten müssen.

  22. Dirk Toetz sagt:

    Gerade in diesem Internetz drüber gestolpert:
    Publikation "Gemeinsamkeiten und die Unterschiede der Zertifizierungen von GPM und PMI" - http://www.sigs.de/publications/os/2013/Zertifizierungen/lehmann_mikulaschek_oestereich_OS_Zertifizierungen_13_manq.pdf
  23. Moin,

    also ich freue mich über die Diskussion; es ist für mich unfassbar, wie sich die Dinge in den letzten Jahren entwickelt haben. Um es aber deutlich zu formulieren: Ich habe nichts dagegen, wenn sich jemand zertifizieren lassen möchte. Alle Argumente dazu wurden schon gesagt. Aber ich finde es ist ein Riesenmangel an Selbstvertrauen für alle Parteien, wenn Zertifikate Kriterien sein sollen.

    Die Einkäufer von in Frage kommenden Auftraggebern sind ja auch nicht zertifiziert, ein Zertifikat weder zu verlangen noch zu überprüfen. Darauf weise ich gelegentlich hin.

    Ich weise auch gelegentlich darauf hin, dass die Zertifikatsforderer wenn es um ihre Gesundheit geht ja auch kein Zertifikat von Arzt verlangen.

    Man muß natürlich wissen, der Zertifizierungswahn kommt von USA. Klar, ausser in Harvard, Princeton oder am MIT gibt es ja eh keine richtige Ausbildung. Da weist das PM Zertifikat höchstens nach, dass der Zertifikand Lesen und Schreiben kann.

    Allerdings wünschte ich mir dabei eine etwas größere Lobby der Antizertifiziertheitspartei.

  24. Moin zusammen,

    ich möchte hier einmal eine Pro-Zertifizierung-Meinung vertreten.

    Aus meiner Sicht bieten die Zertifikate insbesondere für jüngere Projektmanager, die noch am Anfang ihres Berufslebens stehen, eine Möglichkeit Erfahrung nachzuweisen ohne "graue Haare" zu haben - und diese Erfahrung muss für PMI & Co. nachgewiesen werden. Eben für diese Gruppe stellt sich nämlich oft das Henne-Ei-Problem. Um an interessante Projekte zu bekommen muss ich Erfahrung nachweisen - wie aber an Erfahrung kommen, ohne Erfahrung zu haben? Das Zertfikat hilft einem hier sowohl grundlegende (geprüfte) Erfahrung als auch aktuelles Wissen in zumindest einem Projektmanagementmodell nachzuweisen.

    @Michael Schmid: "Ich weise auch gelegentlich darauf hin, dass die Zertifikatsforderer wenn es um ihre Gesundheit geht ja auch kein Zertifikat von Arzt verlangen." Eben doch - denn der Begriff Arzt ist in Deutschland geschützt und nur wer ein Medizin-Staatsexamen ablegt, darf sich Arzt nennen. Und ich glaube wir sind alle froh darüber über diesen Zustand :) Das heißt natürlich nicht, dass es nicht wie überall schwarze Schafe gibt, die die Prüfung trotz Unfähigkeit bestanden haben. Aber die Anzahl wird stark reduziert.

    Zusammengefasst gilt also meiner Meinung nach: eine zunehmende Zertifizierung kann nur von Vorteil für alle Projektmanager sein, denn sie bauen ein MindestKompetenzlevel ein. Davon profitiert der gesamte Berufsstand. Wer nicht zertifiziert ist, aber dank eines langen Berufslebens genug aussagekräftige Projekte nachweisen kann -> um so besser. Und ich denke, dass Erfahrung höher wiegt als ein Stück Papier wird auch jeder Einkäufer so einschätzen können.

    Ein Satz zum Schluss: die sonstige Verhaltensweise von PMI, GPM und sonstigen Zertifizierern bzgl. der eigenen Materialieren, nämlich Abschottung gegen die Öffentlichkeit, unterstütze ich auch nicht. Deswegen: pro OpenPM!

    1. Moin Sören,

      Du schreibst: "eine zunehmende Zertifizierung kann nur von Vorteil für alle Projektmanager sein, denn sie bauen ein MindestKompetenzlevel ein. Davon profitiert der gesamte Berufsstand. "

      Dem sehe ich nicht so. Das Zertifikat ist zumeist eine Art Blendwerk. Denn es sagt nur aus das jemand zu einem gewissen Zeitpunkt bestimmte Fragen beantworten konnte. Nicht aber, ob er die Thematik wirklich beherrscht.

      Zuviele meiner sogenannten Projekt Manager Kollegen die ich traf,waren zwar zertifiziert, hatten allerdings keine Ahnung mehr von der Thematik und pfuschten umeinander. Und davon profitiert der Berufsstand mitnichten.

      Wie gesagt: Soll sich zertifizieren lassen wer es mag. Allerdings mit 80% aller PMPs die ich traf, konnte ich nicht PMI reden. Viele haben gesagt, sie hätten eh nur für die Prüfung gelernt. Viele bekamen überhaupt erst ihr erstes Projekt NACH der Zertifizierung.

      Das lernen für eine Zertifizierung wäre sinnvoll, wenn man die Methodik versteht, tailorn kann und umsetzten. Nicht aber wenn man meint es nach der Prüfung vergessen zu können. Für Junioren macht es wenig Sinn, weil eine Methodik erst verständlich wird, wenn man Erfahrungen im PM gesammelt hat.

      Daher denke ich, dass zwar zertifizierte aber unfähige PMs dem Berufsstand schaden...

      Jens

  25. Lieber Herr Wittke,

    zunächst vielen herzlichen Dank für das Lesen meiner Meinung. Sie freuen sich sicherlich über einen Kommentar. Sehr gerne.

    Sie schreiben:"Aus meiner Sicht bieten die Zertifikate insbesondere für jüngere Projektmanager, die noch am Anfang ihres Berufslebens stehen, eine Möglichkeit Erfahrung nachzuweisen ohne "graue Haare" zu haben "

    Sie haben Recht, für alle Menschen, die am Anfang einer Projektleiterkarriere stehen, ist es sinnvoll, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Darin sind natürlich jüngere Menschen eingeschlossen. Und ich verrate Ihnen sicherlich kein Geheimnis: Das habe ich auch getan. Das Internet hat es zwar noch nicht gegeben, aber dafür CompuServe wo ich Gelegenheit hatte, mit den berühmtesten Projektmanagern der Welt zu "chatten". In der Hauptsache war die Tätigkeit eben Lesen und Nachdenken. Um das richtig zu Lernen haben sowohl der Arzt als auch ich studiert. Insofern zertifiziert ein Studium an egal wo die Fähigkeit, Dinge lesen und einordnen zu können.

    Was Ihr Satz aber meiner Meinung nach in für mich bedenklicher Form als Suggestion der Zertifizierer aussagt ist, dass Sie mit dem Zertifikat Erfahrung erwerben und dies ist bedauerlicherweise falsch.

    Projektmanagement ist nur zum Teil eine Abfolge an mehr oder weniger parallelen Prozessen mit teilweise gegenseitiger Beeinflussung; Projektmanagement ist zu einem viel grösseren Anteil individuelle Arbeit im Rahmen von psychosozialen Kompetenzen.

    Genau wegen dieser Elemente haben wir (Die Firma projekt-dialog ) in 2003 den Deutschen Trainingspreis in Gold gewonnen, weil diese Komponenten wesentliche Inhalte waren.

    Die Zertifizierer erzeugen vielfach solche Formen der nicht sachgerechten Suggestionen, die ich mit Vehemenz kritisiere, weil sie ein in der Sache völlig falsches Bild erzeugen.

    Noch eine Einlassung zum Arzt: Ja, er hat eine Approbation (Staatsexamen ist nicht hinreichend). Und diese beinhaltet, wie beim Heilpraktiker auch die Verpflichtung, sich fortzubilden. Das gilt auch für einen Projektmanager. Aber in beiden Fällen ist für die Ausübung des Berufs nicht notwendig, sich zertifizieren zu lassen.

    Wissen Sie, der Zertifizierungswahn kommt eigentlich aus Amerika aus der Not, vielfach Menschen mit katastrophaler Schuldbildung zu treffen. Wenn Sie in Amerika mal einen Vortrag halten, verwenden Sie bitte so wenig Worte als möglich, weil die Jungs und Mädels das sonst nicht verstehen und Ihren laufenden Vortrag verlassen. In einem solchen Umfeld ist ein Zertifikat zwingend nötig. Aber bei uns eben fraglich.

    Ich will niemanden davon abhalten, sich zertifizieren zu lassen; wenn er sich hintendrein wohlfühlt, ihn also kein Insuffizienztrauma (Lächeln) mehr befällt, kann er das ja gerne tun.

    Ich stehe aber nach wie vor auf dem Standpunkt, ein Zertifikat ist nur soviel Wert wie die Kenntnis des geneigten Lesers des Zertifikats. Dass diejenigen aber im Lesen von Zertifikaten nicht geübt sind und auch nicht zertifiziert, ist bekannt.

    Die Definition eines Projekts beinhaltet "Einzigartigkeit". Würde das zertifizierbar sein, wäre die Einzigartigkeitsanforderung nicht mehr erfüllt. Insofern ist ein Projektmanagementzertifikat sowas wie eine weisse Gans, also ein inhaltlicher Widerspruch.

    Ihnen einen schönen Tag!

    Michael Schmid

     

     

  26. Die Definition eines Projekts beinhaltet "Einzigartigkeit". Würde das zertifizierbar sein, wäre die Einzigartigkeitsanforderung nicht mehr erfüllt. Insofern ist ein Projektmanagementzertifikat sowas wie eine weisse Gans, also ein inhaltlicher Widerspruch.

    Wären Sie so nett, die Quelle der "Definition eines Projekts" zu nennen, in der diese "Einzigartigkeit" vorkommt?

    Ich habe leider auch das Bild von der "weissen Gans" nicht verstanden. Meinten Sie "weisser Rappe"?

     

     

     

     

     

  27. Hallo Herr Bindeus-Fischnaller,

    Sie finden folgende Definition:

    Definition nach DIN 69901:

    Ein Projekt ist ein Vorhaben, das im wesentlichen durch Einmaligkeit der Bedingungen in ihrer Gesamtheit gekennzeichnet ist, wie z. B.: Zielvorgabe, zeitliche, finanzielle, personelle oder andere Bedingungen, Abgrenzungen gegenüber anderen Vorhaben und projektspezifische Organisation.

    Einer Übersetzung in den Term "einzigartik" sehe ich nicht als verwerflich sondern sachdienlich.

    In seltenen Fällen, zum Beispiel beim Bau von Düsentriebwerken oder auch Omnibussen, kann es durchaus sein, dass ein solches Investitionsgut im Rahmen eines Projektes gebaut wird. Dann wiederum ist eine Projektleitungszertifizierung auch nicht sinnvoll, sondern ein Tayloring der Vorgehensweise und anschliessende Qualifikation des kompletten ausführenden Personals. Bei solchen Gütern hat es sich gezeigt, dass Fließbandarbeit eher abträglich ist.

    MIt weisser Gans meinte ich einen Pleonasmus, Sie liegen mit Ihem Rappen dann nicht falsch, wenn Sie weisser Schimmel sagen. Da es aber einen Graubereich gibt, gefiel mir die Gans besser als der Schwan. Tut mir leid, wenn ich verwirrte.

    Viele Grüße

    Michael

     

     

     

    1. Meines Wissen ist es so ähnlich im PMBOK auch...dort steht "unique".

      "And a project is unique in that it is not a routine operation, but a specific set of operations designed to accomplish a singular goal. So a project team often includes people who don’t usually work together – sometimes from different organizations and across multiple geographies."
      Quelle: http://www.pmi.org/About-Us/About-Us-What-is-Project-Management.aspx

      Jens

      1. Im PMBOK (5th Edition) steht im Glossar:

        Project. A temporary endeavour undertaken to create a unique product, service, oder result.

        Das wurde offiziell bisher (PMBOK 4th Edition German) so übersetzt:

        Ein zeitlich definiertes Vorhaben, das unternommen wird, um eindeutige Produkte, Dienstleistungen oder Ergebnisse zu erstellen.

        Ich hätte unique wahrscheinlich auch mit einmalig oder einzigartig übersetzt, der Punkt ist meine Ansicht nach aber, dass sich diese Einzigartigkeit auf das Ergebnis bezieht und nicht auf das Projekt. Einige Branchen (Bauwirtschaft, Softwarewirtschaft) arbeiten (und denken) fast ausschließlich in Projekten, jedes für sich sicher einzigartig, dennoch als Projekt betrachtet wieder alle sehr ähnlich.

    2. Danke für den HInweis auf die DI-Norm. Die wird ohnehin viel zu selten strapaziert, obwohl (solange die Norm gilt) das auch bei Gerichten als "Stand der Technik" anerkannt ist.

      Ob Pleonasmus oder Oxymoron, ich denke ich verstehe jetzt langsam.

  28. Um zum Zertifizierungsunsinn zurückzukommen: Der Wert der Zertifizierung hängt, denke ich, direkt davon ab, welche Institution dahinter steht. Um nochmal die Bauwirtschaft zu bemühen: Baumeister ist heute (und war es auch schon früher) eine geschützte Bezeichnung und darf nur von entsprechend berechtigten Personen als Berufsbezeichnung verwendet werden. Ich denke, dieser Status ist auch der langen Geschichte dieses Berufs und seiner Lpbby (Standesvertreter etc.) zu verdanken. Im Bereich Projektmanagement sind wir einfach noch nicht so weit. Kann sein, dass sich einmal eine geschützte Berufsbezeichnung daraus entwickelt. Dann wird auch jeder den Sinn einer Zertifizierung verstehen.

    Dass es aber auch unter Baumeistern solche und solche gibt, in Hinblick auf die Qualität der Arbeiten bezogen, ist nicht nur heute so, sondern war es früher auch schon.

  29. Was glauben Sie, wieviele zertifizierte Projektmanager bei BER, Elbphilharmonie Euro Hawk, also Projekten der öffentlichen Hand sind? Ich glaube es ist einfacher, die PMs zu zählen, die nicht zertifiziert sind. DArin konterkariert sich das System selbst. Für mich gilt, ich möchte nicht im gleichen Atemzug zu Personen genannt werden, deren Selbstbewusstsein zu Projektmanagement in meiner Bewertung nicht zum Management ausreicht, weswegen die sich eine Zertifizierung besorgen. Ich schliesse Sie in die Aussage nicht mit ein.

    Wenn Sie sich gerne mit der Geschichte des Projektmanagements befassen: Zur Softwareentwicklung gibt es verschiedene Entwicklungsmodelle; eines davon war der Rational Unified Process (RUP). Wenn Sie den als PM angewendet haben, mussten Sie planerisch einige notwendige Rahmenbedingungen setzen. Es würde zu weit führen, diese hier im Einzelnen aufzuführen, aber wenn Sie wollen, beschäftigen Sie sich mit SCRUM.

    Sie können heute, auch unter der Bezeichnung "agile Entwicklung", Softwareentwicklungen weitgehend ohne PM machen, wenigstens in der Theorie. Das heißt, Projektmanagement im eigentlichen Sinne verkommt zu einer Checklistenveranstaltung.

    Wenn Sie sich mit PRINCE2 beschäftigen, alternativ ITIL, so stellen Sie fest, dass dies alles Rahmenwerke sind und die, wie Sie ja im Falle der Bauprojekte sehr richtig anführen, als Rahmenwerke erst massgeschneidert auf den jeweiligen Massenverwendungszweck angepasst werden müssen. Dies ist aber nicht Bestandteil der Zertifizierung.

    Und, mit Verlaub, ein Baumeister kann wesentlich mehr als ein Projektmanager. Also versuchen Sie doch eher zu vermeiden, den Beruf des Baumeisters durch die viel geringere Bedeutung des Projektmanagements zu verunglimpfen.

    Spass beiseite: ein guter Projektmanager zeichnet sich meiner bescheidenen Ansicht nach (eben gerade) nicht durch sein Zertifikat, sondern seine psychosoziale Kompetenz. Flapsig gesagt würde ich Ihnen eher raten, sowas wie Körpersprache zu lernen und beschäftigen Sie sich mit dem Kommunikationsquadrat nach Schultz von Thun; da haben Sie meiner Ansicht nach mehr davon, als von so einem Zertifikat.

    Viele Grüße und einen schönen Sonntag

    Michael Schmid

  30. Ergänzend zu Michael Schmidt empfehle ich das Buch von Katarina Witt: "Meine Jahre zwischen Pflicht und Kür" (C.Bertelsmann Verlag, München 1994).

    Zur Erklärung, dass (Projekt-)Management ein permanentes Wechselspiel zwischen Pflicht und Kür ist, steht sie uns seit fast zwei Jahrzehnten bei.

  31. Noch ein Hinweis auf Projektmanagement als Selbständiger, Sie können es auch als Beispiel für Analysen in Richtung Stakeholder nehmen, ein Pflichtprogramm im Projektmanagement: Die Deutsche Telekom hat sozusagen über Nacht geschätzt 4.000 Freiberufler rausgeschmissen. Dazu habe ich eine etwas freche Hypothese angestellt. Sie finden das Dokument unter http://www.c4ms.de/my-blog/item/94-scheinselbstaendig-telekom

  32. Solange hinter einem "Zettel" keine namhafte Institution steht ist es was es ist: ein "Führeschein"...genau das ist der Unterschied zw. einer Urkunde die zum Tragen des Doktortitels, des Techikers oder der Handwerksrolle ausmacht...

  33. Hier auch ein interessanter Podcast zum Thema von Mario Neumann: 

    Sind Sie eigentlich auch zertifiziert? Oder überlegen Sie sich vielleicht, eine Zertifizierung zu machen? Dann sind Sie in guter Gesellschaft. Immer mehr Unternehmen wollen ihren Projektmanagern einen professionellen Stempel verpassen. Wo „Projektmanager“ drauf steht, soll auch ein „Projektmanager“ drin sein. Kurz gesagt: Zertifizierungen liegen im Trend – davon zeugen auch die steigenden Zahlen von Zertifizierungen, die die Verbände melden. In der 67. Folge meines Abenteuers Projekte nehmen wir die wichtigsten Zertifizierungen einmal etwas genauer unter die Lupe.

    http://abenteuer-projekte.podspot.de/files/DAPR67_130402_6mn7.mp3

    1. Sehr geehrter Herr Hofeditz,

      Sie haben das sehr nett zusammengestellt. Vielen Dank!

      Es gibt in Ihren Gedankensträngen aus meiner Sicht eine Reihe von Grundvoraussetzungen, die ich m.E. nicht teile. Der Wichtigste davon ist, dass, Ihren Angaben nach, immer mehr  Leute zu solchen Zertifizierveranstaltuingen geschickt werden. Da könnte man sich darunter vorstellen, dass in den Firmen evaluiert wird bis zum Abwinken und man dann genau weiss, es sei nötig, die Leute zertifizieren zu lassen.

      Ich kann Ihnen aus langjähriger Erfahrung sagen, das ist nicht so. Da evaluiert keiner.

      Richtig ist, das Gros der Leute wissen einfach nicht, was sie da tun und um keinen Vorwurf hören zu müssen, budgetieren sie so eine Schulung und schicken die Leute dahin.

      Also ich habe Abitur und danach Physik studiert. Glauben Sie, ich bin zu blöde, mir die Bücher zu kaufen und die Strukturen in Kürze aufzusaugen?

      Die Menschen, welche Projekte machen müssen, haben in der Regel eine ähnliche Bildung. Ich bin davon überzeugt, die können das genauso wie ich. Wozu also eine Schulung?

      Die Antwort ist ganz einfach: Die Leute wissen nicht, welche schlechte Qualität die amerikanische Schulausbildung hat. Weil die aber so grotten schlecht ist, liegen in JuEsEi andere Verhältnisse vor als bei uns. Nun, Amerikaner extrapolieren gerne von ihrem Big Country auf "die kleine EMEA, irgendwo dahinten (deren Begriffsbildung mal davon ausgegangen ist, dass eine ähnliche Kulturvarianz wie in JuEsEi vorliegt, woran man deutlich sieht, dass auch diese EMEA Begrifss und Inhaltsbilder dringend zertifiziert sein müssten)" schließen. Und dieser Schluss legt eine Zertifizierung nahe.

      Sorry, aber das ist mir einfach zu blöde. Und darum denke ich, dass diejenigen, wenn Sie so für eine Zertifizierung ihrer Mitarbeiter entscheiden, einfach genausowenig nachdenken.

      Wenn aber daraus der Schluß entsteht, nur ein zertifizierte PM ist ein guter PM, muss ich deutlich sagen: Jeder zertifizierte PM hat zu wenig Selbstvertrauen um sein Projekt wuppen zu können. Bitte machen Sie alle einen Bogen um solche Leute.

      Viele Grüße!

       

      1. Hallo Herr Schmid,

        nur zur Klarstellung: Der Podcast und der von mir gepostete 'teaser' ist von Mario Neumann. Ich habe Herrn Neumann schon auf das Posting hingewiesen. Vielleicht nimmt er ja meine Einladung OpenPM kennenzulernen an und antwortet Ihnen an dieser Stelle.

        Mit besten Grüssen
        ./kh

         

         

  34. Die Präsentation von Themen per Podcast haben Sie ganz nett eingerichtet. Allerdings kommt zum Thema nichts Neues.

    Ja, es ist klar, auch ein Taxifahrer kann ein Zertifikat erwerben. Das kostet rund 2000 Euro, weil irgendwelche Trainer damit ein Training zwingend verbinden, und dann ist man nach 5 Tagen gerade mal Anfänger.

    Nur hat das nichts mit irgend einem Qualifikationsnachweis für Projektmanagement zu tun. Die Zertifizierungen sagen ja nur, dass man lesen kann, nicht dass man anwenden kann.

    Wie Sie sagen Herr Schloß: Sie hätten mal in der Uni was davon gehört und sich dann weiterentwickelt. Das glaube ich Ihnen auch sofort. Und Sie haben sich dann die Eintrittskarte in die Welt der Zertifizierer gekauft.

    Das kostet Zeit. Wann macht man da die Erfahrungen, die nötig sind?

    Ich habe nichts dagegen, wenn Leute Zertifikate erwerben. Ich habe etwas dagegen, wenn dann behauptet wird, die könnten das auch. Ja, die kennen das Rahmenwerk. Aber das heißt noch lange nicht, dass sie gute Projektmanager sind.

    Ich habe viele sogenannte PMP s gesehen, die total hilflos waren.

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