BÄRENTANGO – Mit Risikomanagement Projekte zum Erfolg führen

Tom DeMarco, der Erfinder der Strukturierten Systemanalyse, hat bereits einige bewährte Klassiker verfasst, die man jedem an
Projektmanagement und Softwareentwicklung Interessierten mit gutem Gewissen empfehlen kann, zum Beispiel Wien wartet auf Dich!,
Spielräume
oder Der Termin.

Bärentango, das vorliegende Werk, so viel sei gleich zu Beginn verraten, spielt in dieser Liga ganz vorne mit.
Projektmanagement für Erwachsene
, so benennt er die Disziplin des vorausschauenden Risikomanagements,
welche rechtzeitig darauf schaut, was zu tun ist, wenn etwas passiert. 

Risiken sind zukünftige Ereignisse, die eintreten können und damit auf Kosten, Ergebnis oder Verlauf eines Projekts Auswirkungen hätten.
Wohlgemerkt positive oder negative, obgleich üblicherweise meist nur die Schädlichen betrachtet werden. Natürlich kann auch ein Projekt,
das durch ein bestimmtes Ereignis früher fertig wird, für eine Organisation ein Risiko sein – könnte sie damit entsprechend umgehen
und das Produkt ihren Kunden rasch zur Verfügung stellen?

Zugegeben, dieses Ergebnis ist im Projektgeschäft eher selten, gerade deswegen ist es ein gutes Beispiel für die notwendige
Herangehensweise, durch Brainstorming im Team wesentliche Risiken zu erfassen, ihre Ursachen, ihre Auswirkungen,
Eintrittswahrscheinlichkeit, Eintrittsindikatoren, sie in Zeit und Geld zu bewerten, den erstellten Risikoplan mit möglichen Maßnahmen
und vorausschauenden Aktivitäten zu hinterlegen, die Teil des Gesamt-Projektplans werden, von dem Profis wissen,
dass er nicht nur aus einem Balkenplan besteht, um ein komplexes Vorhaben gesamthaft steuern zu können.

Dem Autor gelingt es hervorragend, Notwendigkeit und Vorgehen anhand praktischer Beispiele greifbar zu machen, mit anschaulichen
Skizzen, wie von Hand gezeichnet, wodurch hohe Authentizität erzeugt wird. Das Buch ist daher nicht nur für ProjektmanagerInnen
und andere Prangerkandidaten geeignet, es sollte vor allem für Stakeholder und Auftraggeber
zur Pflichtlektüre werden
, insbesondere, da es einige hochinteressante und anwendbare Konzepte vorstellt.

Ganz zu schweigen von den beiläufig eingestreuten Hinweisen, mit denen man manche Projekte fast schon
im Vorbeigehen retten könnte, wenn die eine oder andere Idee umgesetzt würde. Zum Beispiel von Anfang an im Projekt mit einer leicht personellen
Überkapazität zu arbeiten, um das Risiko der Personalfluktuation, eines der klassischen Risiken, das typischerweise oft zum Scheitern beiträgt,
rechtzeitig abzufedern. Oder Datenflüsse, die in das System hinein und hinaus gehen, auf Datenelementebene festzulegen (Boundary Elements Closure)
und zwar innerhalb der ersten 15% der Projektdauer, um das Risiko des Spezifikationskollaps auszuschalten.

Er kritisiert Organisationen, die sich in Illusionen flüchten, erkennbar an lächerlich präzisen Abschätzungen, die sich später als ungenau herausstellen.
Oder solche, die unattraktive Voraussetzungen sanktionieren, nicht aber unattraktive Ergebnisse („Er konnte den Termin nicht halten, aber er hat es immerhin versucht“).
Die Indy-500-Analogie hielt ich für besonders gelungen, zu viel möchte ich hier nicht verraten, es soll ja noch Anreiz geben, das Buch selbst zu lesen.

Tom DeMarco befürwortet, Aussagen mit der Quantifizierung von Unsicherheiten vorzunehmen, mit Risikodiagrammen zu arbeiten,
ausgehend vom sogenannten Nano-Prozent-Datum, dem Zeitpunkt der frühesten Projektfertigstellung, der im Bestfall (null Prozent Wahrscheinlichkeit) möglich ist.
Davon ausgehend solle man beispielsweise mit Simulationen (das Werkzeug Riskology kann dafür von der Webseite http://www.systemsguild.com/riskology/ kostenlos
heruntergeladen und verwendet werden) Stichprobenergebnisse ermitteln, mit deren Hilfe entsprechende Aussagen über die zeitliche Wahrscheinlichkeit
der Projektergebnisse getroffen und veranschaulicht werden können. Der Clou dabei ist, dass standardisierte Risiken bzw. unternehmensspezifische
Anpassungen in diesen Modellen gleich mitberücksichtigt werden.

Ich nehme an, dass es für viele durchaus schwierig ist, ein frühestmögliches Projektfertigstellungdatum, das vor allem so gut wie unrealistisch ist,
zu ermitteln, da viele im Hinterkopf ihre Erfahrung miteinfließen lassen, die sie davor bewahrt, einen zu frühen Termin, auf den sie
festgenagelt werden könnten, zu nennen. Aber da nur mit dem einen oder anderen Querdenken eine Verbesserung bisher praktizierter
Projektmanagementmethoden möglich ist, sollte man solche Konzepte, die prinzipiell schlüssig sind, auf sich wirken lassen,
sich mit ihnen beschäftigen und vor allem ausprobieren.

Natürlich ist für Risikomanagement ein gewisser Reifegrad in der anzuwendenden Organisation notwendig, sonst wird man nicht nur zum
Rufer in der Wüste, sondern zum Narren am Projektschiff, was wohl die meisten instinktiv zu vermeiden suchen. Aber auch in einem weniger geeigneten Umfeld
lassen sich die Methoden anwenden. Zumindest weiß man damit für sich selbst, welche Erfolgswahrscheinlichkeiten ein bestimmter Termin hat.
Man kann ja immer noch die eine oder andere Erkenntnis homöopathisch in seine Foliensätze einfließen lassen.

Wenn hier das Buch zu Ende wäre, hätte es seinen Zweck bereits mehr als erfüllt. Wer jemals Schwierigkeiten dabei hatte, den Fertigstellungsgrad
eines Arbeitspakets mittels Earned Value Analyse zu bestimmen, sollte sich die Ratschläge zur inkrementellen Versionsplanung zu Herzen nehmen,
womit das Buch auch noch einen Brückenschlag zwischen klassischen und agilen Projektmanagementmethoden vornimmt.

Mit den Kapiteln 18 bis 21, welche gerade mal 21 Seiten umfassen, setzt Tom Demarco noch mal nach und präsentiert Verfahren wie
die Quantifizierung des Nutzwerts, der ebenso hochgradig mit Unsicherheit behaftet ist und daher genauso mit Wahrscheinlichkeiten bewertet werden muss.
Der Tipp, durch eine inkrementelle Nutzwert-Kosten-Analyse, durch das Abtauschen von Prioritäten zwischen den Stakeholdern,
zu einer validen Versionsplanung zu gelangen, ist genau genommen ein agiles Vorgehen, dadurch unterstützt, dass von Beginn an nicht nur die wesentlichen
Anforderungen vorliegen, sondern aufgrund ihres Nutzwerts stimmiger priorisiert werden können. Einige der auf diesen wenigen Seiten präsentierten
Hinweise und Vorschläge, konsequent umgesetzt (!), würden bereits genügen, um in manchen Unternehmen Projektinvestitionen vermehrt in die richtige Richtung zu lenken.

Zwanzig Euro als Ausgabe für das Buch sind also mehr als gerechtfertigt. Der einzige Verbesserungsvorschlag, den ich habe: Mir persönlich hätte noch ein Anhang
mit mathematischen Erklärungen oder Formeln gefallen, um die Verteilung der Kurven besser zu verstehen. Vor allem auch,
um sie in der Praxis gegegebenenfalls erklären und nicht nur mit „höherer Mathematik“ begründen zu müssen (daher der im Buch genannte Erklärungsvorschlag: Simulation!).
Aber das ist angesichts des erfahrenen persönlichen Nutzwerts ein Risiko, das ich mit einer noch zu definierenden Maßnahme sicherlich
rechtzeitig abzuwenden weiß, es soll ja nicht umsonst gewesen sein, das Buch gelesen zu haben.

Verlag: Hanser Fachbuch, 236 Seiten, EUR 19,90, ISBN 978-3446223332